SPD-Fraktion antwortet auf Briefaktion des Kreiselternrates Chemnitz

20. September 2022

Im Sep­tember hab uns viele Schreiben erreicht, die auf eine Aktion des Kreis­eltern­rates Chem­nitz zurück­gehen. Unsere Bil­dungs­po­li­ti­kerin Sabine Friedel hat auf den Brief geant­wortet. Da die Ant­wort sicher für viele Eltern, Schüler:innen und Lehrer:innen inter­es­sant ist, ver­öf­fent­li­chen wir sie hier:

 

An die
Absen­de­rinnen und Absender
des Briefes „Leh­rer­mangel in Sachsen“

Ihr Schreiben „Lehrermangel in Sachsen“ vom 6. September 2022

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit dem Schreiben „Leh­rer­mangel in Sachsen“ haben Sie sich an die SPD-Frak­tion im Säch­si­schen Landtag gewandt. Als bil­dungs­po­li­ti­sche Spre­cherin meiner Frak­tion möchte ich Ihren Brief gern beant­worten.

Wir sind uns einig, dass der Mangel an Lehr­kräften in Sachsen (und in allen Bun­des­län­dern) aktuell eine der größten Her­aus­for­de­rungen in unserer Gesell­schaft ist. Und ich möchte mich sehr dafür bedanken, dass Sie kon­krete Maß­nahmen vor­schlagen, die aus Ihrer Sicht umge­setzt werden müssen. Zu diesen Vor­schlägen möchte ich gern Stel­lung nehmen:

(1) Ausbau der Leh­rer­aus­bil­dung in Sachsen, u.a. Ansied­lung der Ober­schul­lehrer-Aus­bil­dung an der TU Chem­nitz

Die Lehr­amts­aus­bil­dung wurde in Sachsen seit rund zehn Jahren kon­se­quent aus­ge­baut. Den ersten Schritt machte die Wie­der­ein­füh­rung der Grund­schul­lehr­amts­aus­bil­dung in Chem­nitz. Hier­durch und durch die Erhö­hung der Kapa­zi­täten in Leipzig und Dresden stehen jetzt ins­ge­samt mehr als 2.700 Stu­di­en­plätze zur Ver­fü­gung (vor zehn Jahren waren es rund 1.000 Stu­di­en­plätze). Diese Stu­di­en­plätze werden auch gut nach­ge­fragt, aller­dings stoßen wir mit der jet­zigen Zahl an eine Grenze: Bereits heute nehmen rund 15 Pro­zent aller Abitu­ri­en­tinnen und Abitu­ri­enten in Sachsen ein Lehr­amts­stu­dium auf. Die Ein­rich­tung wei­terer Stu­di­en­plätze kann diese Zahl nicht mehr stei­gern. Aktuell bleiben bereits Stu­di­en­plätze unbe­setzt. Um an der TU Chem­nitz eine Aus­bil­dung von Ober­schul­lehr­kräften zügig zu ermög­li­chen, hat die Koali­tion den Stu­di­en­gang „Pri­mar­stufe plus“ auf den Weg gebracht. Hier soll eine Kom­bi­na­tion aus Grund­schul- und Ober­schul­lehramt stu­diert werden. Um den Aufbau zügig und in Ver­bin­dung mit den vor­han­denen Res­sourcen errei­chen zu können, wird sich der Modell­stu­di­en­gang im ersten Schritt vor­aus­sicht­lich auf die Fächer Mathe­matik, Deutsch, Eng­lisch und Sport kon­zen­trieren; ggf. gelingt es auch, das Fach Werken / WTH ein­zu­be­ziehen. Der Auf­trag zur Ein­rich­tung des Stu­di­en­gangs wurde im Landtag beschlossen und in der Ziel­ver­ein­ba­rung mit der Hoch­schule ver­an­kert. Wir hoffen, dass die beiden zustän­digen Minis­te­rien –das Wis­sen­schafts­mi­nis­te­rium und das Kul­tus­mi­nis­te­rium (Lehr­amts­prü­fungs­ord­nung) – die von der Koali­tion ange­strebte Imma­tri­ku­la­tion zum Win­ter­se­mester 2024/25 umsetzen.

(2) Mehr Per­sonal für Schul­as­sis­tenten, Schul­so­zi­al­ar­beiter, Schul­psy­cho­logen

Die mit dem Hand­lungs­pro­gramm 2018 von uns in der Koali­tion mit der CDU neu ein­ge­führte Schul­as­sis­tenz hat sich in den ver­gan­genen drei Jahren als echte Erfolgs­ge­schichte erwiesen. Das freut uns sehr. Inzwi­schen kämpft auch das Kul­tus­mi­nis­te­rium selbst um mehr Per­sonal in diesen Berei­chen und eine Unter­set­zung dieser Pro­gramme mit Stellen im Haus­halt. Auf­grund der all­ge­meinen Finanz­lage (Corona-Kre­dite und Til­gungs­last, Infla­tion und Ener­gie­kosten) wird mit dem aktuell dis­ku­tierten Dop­pel­haus­halt vor­erst nur ein leichter Auf­wuchs in diesem Bereich gelingen. Wichtig ist uns, dass die Assis­tenz­stellen unbe­fristet besetzt werden können, denn nur so lässt sich geeig­netes Per­sonal binden und halten. Die SPD wird sich auch weiter dafür ein­setzen, dass in der Per­spek­tive jede Schule mit einer Schul­as­sis­tenz und Schul­so­zi­al­ar­beit aus­ge­stattet werden kann und wir so echte mul­ti­pro­fes­sio­nelle Teams an unseren Schulen auf­bauen. Denn so werden nicht nur die Lehr­kräfte ent­lastet; auch für die indi­vi­du­elle För­de­rung der Kinder und Jugend­li­chen ist eine solche Beglei­tung äußerst wichtig.

(3) Nut­zung externer Dienst­leister, z.B. 1st-Level-IT-Sup­port

Mit der Umset­zung des Digi­tal­paktes ist es end­lich gelungen, die Schulen mit einer leis­tungs­fä­higen digi­talen Infra­struktur aus­zu­statten. Die lange strit­tige Frage, ob dies eine ori­gi­näre Auf­gabe des Schul­trä­gers (also der Kom­munen) oder des Landes ist, hat den Fort­schritt auf diesem Gebiet zu lange blo­ckiert. Inzwi­schen können die Mittel nicht nur für die Anschaf­fung, son­dern auch für den Sup­port ein­ge­setzt werden. Im Juni dieses Jahres schlossen der Frei­staat und die kom­mu­nalen Spit­zen­ver­bände eine Ver­ein­ba­rung dar­über ab, dass sie die Kosten für Anschaf­fung und Sup­port künftig gemeinsam tragen werden. Hier ist also eine Lösung gefunden, welche die Schul­träger in die Lage ver­setzt, einen leis­tungs­fä­higen Sup­port anzu­bieten. Ob hierfür externe Dienst­leister, also Dritte, beauf­tragt werden oder die Kom­mune selbst tätig wird, bleibt eine Ange­le­gen­heit der kom­mu­nalen Selbst­ver­wal­tung. Mit seiner finan­zi­ellen Betei­li­gung stellt das Land Sachsen sicher, dass die Auf­gabe künftig gut erle­digt werden kann. Auf Seiten der Schulen und der Schul­träger wird es aus unserer Sicht wichtig sein, kon­krete Qua­li­täts­stan­dards mit den Leis­tungs­er­brin­gern zu ver­ein­baren (z.B. Ant­wort­zeiten). Hier sind die kom­mu­nalen Ver­tre­tungs­kör­per­schaften – also die Stadt- und Gemein­de­räte – mög­li­cher­weise gut beraten, ent­spre­chende Vor­gaben zu beschließen.

(4) Erhö­hung der Attrak­ti­vität der Leh­rer­aus­bil­dung, z.B. durch „duales Lehr­amts­stu­dium“ oder Aus­rich­tung der Stu­di­en­in­halte auf das Aus­bil­dungs­ziel

Die SPD setzt sich seit langem dafür ein, dass nicht nur die Lehr­pläne ent­schlackt und den Anfor­de­rungen der heu­tigen Zeit gerecht werden, son­dern dass sich in glei­chem Maße die Anfor­de­rungen an die Lehr­amts­aus­bil­dung ver­än­dern. Wir sind über­zeugt davon, dass die bil­dungs­wis­sen­schaft­li­chen Anteile im Stu­dium steigen müssen und hierfür die fach­wis­sen­schaft­li­chen Bereiche auf jene Felder redu­ziert werden können, die tat­säch­lich lehr­plan­re­le­vant sind. Durch die viel­fäl­tigen Bemü­hungen zur Ein­heit­lich­keit des deut­schen Schul­we­sens sind hier aller­dings Grenzen gesetzt: So hat die Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz Stan­dards für die Leh­rer­bil­dung beschlossen, welche für alle 16 Bun­des­länder gelten und das (auf Stu­di­en­an­teile bezo­gene) Ver­hältnis zwi­schen bil­dungs­wis­sen­schaft­li­cher und fach­wis­sen­schaft­li­cher Aus­bil­dung fest­schreiben. Aus unserer Sicht muss dieses Ver­hältnis ver­än­dert werden, damit die päd­ago­gi­schen Inhalte des Stu­diums gestärkt werden können und künftig jede/​r Stu­die­renden Grund­la­gen­wissen im Bereich der son­der­päd­ago­gi­schen För­de­rung und Inklu­sion, des bin­nen­dif­fe­ren­zierten Unter­rich­tens und im Umgang mit Hete­ro­ge­nität sowie in den Themen digi­tale Bil­dung, poli­ti­sche Bil­dung und Medi­en­bil­dung erwerben kann. Es wäre gut, wenn der Frei­staat Sachsen hierfür im Rahmen der Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz mit starker Stimme spre­chen würde. Ein erster wich­tiger Schritt wäre es auch, die fach­wis­sen­schaft­li­chen Inhalte der ein­zelnen Stu­di­en­gänge stärker auf das Aus­bil­dungs­ziel aus­zu­richten und dafür zu sorgen, dass die Stu­di­en­in­halte den Lehr­p­la­nin­halten ent­spre­chen. Zu groß sind nach wie vor die Abbruch­quoten gerade in den mathe­ma­ti­schen und natur­wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­en­gängen, die vor allem aus fach­li­cher Über­for­de­rung und Über­frach­tung resul­tieren. Abhilfe kann hier eine Reform der Lehr­amts­prü­fungs­ord­nung (LAPO I) schaffen, welche wir seit langer Zeit vom Kul­tus­mi­nis­te­rium ein­for­dern.

(5) Ausbau des FSJ Päd­agogik

Das FSJ Päd­agogik wurde vor inzwi­schen fast zehn Jahren im Frei­staat Sachsen ein­ge­führt und hat sich seither als Erfolgs­mo­dell bewiesen. In den zurück­lie­genden Dop­pel­haus­halten wurde die Anzahl der Plätze stetig aus­ge­baut und auch der dies­jäh­rige Regie­rungs­ent­wurf sieht einen Auf­wuchs der Gesamt­aus­gaben vor. Die Zahl der FSJ-Teil­neh­me­rinnen und ‑Teil­nehmer im Bereich Päd­agogik hat sich in den letzten fünf Jahren von 89 auf 220 Teil­neh­mende fast ver­drei­facht. Die Zahl der Schulen, die sich als Ein­satz­stelle für das FSJ Päd­agogik zur Ver­fü­gung stellen, ist mit über 1.000 ungleich höher. Ins­ge­samt werden rund 2.500 Stellen im FSJ finan­ziert. Auch wenn sich die Mehr­zahl der rund 35.000 jähr­li­chen Schul­ab­sol­ven­tinnen und ‑absol­venten für einen anderen Weg (Auf­nahme einer Aus­bil­dung oder eines Stu­diums) ent­scheiden, so ist der Anteil derer, welche ein FSJ auf­nehmen, recht hoch. Neben dem FSJ Päd­agogik sind vor allem die Bereiche Gesund­heit und Pflege – in wel­chen ja eben­falls Fach­kräf­te­mangel besteht – glück­li­cher­weise gefragte Ein­satz­stellen.

Alles in allem: Der Frei­staat Sachsen hat einige der Maß­nahmen, die Sie in Ihrem Schreiben aus­führen, bereits ergriffen. Dies betrifft vor allem den Ausbau der Leh­rer­aus­bil­dung, von Schul­as­sis­tenz und Schul­so­zi­al­ar­beit sowie die ver­stärkte Nut­zung der Frei­wil­li­gen­dienste. Ins­be­son­dere in jenen Berei­chen, wo struk­tu­relle Ver­än­de­rungen durch das Kul­tus­mi­nis­te­rium vor­ge­nommen werden müssen – bei den Inhalten der Lehr­amts­aus­bil­dung und der Anpas­sung der Lehr­amts­prü­fungs­ord­nung – wün­schen auch wir uns ein zügi­geres und ent­schlos­se­neres Agieren, auf das wir auch wei­terhin drängen werden.

Zur Infor­ma­tion lege ich Ihnen noch einige Hin­weise zu unserer bil­dungs­po­li­ti­schen Arbeit bei und freue mich, wenn Sie unseren Ein­satz für ein bes­seres und leis­tungs­fä­hi­geres Schul­system auch künftig unter­stützen.

Mit freund­li­chen Grüßen

Sabine Friedel
Bil­dungs­po­li­ti­sche Spre­cherin

Gute Bil­dungs­po­litik ist Zukunfts­po­litik