Holger Mann, Hochschulexperte der SPD-Landtagsfraktion, sagt zu den Vorwürfen der Gesundheitsministerin Barbara Klepsch:„Der Vorschlag von Gesundheitsministerin Klepsch zur Landarztquote für Studienanfänger ist inhaltlich unausgegoren. Diese Maßnahme allein wird auch in mehr als zehn Jahren das Problem nicht lösen. Sie ist vielmehr ein Stück Symbolpolitik. Zudem kommt der Vorschlag für eine ordentliche inhaltliche parlamentarische Beratung in dieser Legislatur zu spät. Es ist unsere Verantwortung als Abgeordnete, keine Schnellschüsse einfach durchs Parlament zu winken.”

Simone Lang, SPD-Gesundheitsexpertin, ergänzt: „Man sieht, der Wahlkampf ist da. Gerade die offensichtlich geplanten Reaktionen von Befürwortern dieser Quote zeigen, dass es weniger um eine zügige Verbesserung der Situation geht, sondern vielmehr um ein reines Wahlkampfmanöver. So etwas haben die Menschen auf dem Land nicht verdient. Frau Klepsch sollte vielmehr ein ausgereiftes und abgestimmtes 20-Punkte-Programm vorlegen – wie vom Landtag vor zwei Jahren gefordert. Unsere Eckpunkte dazu liegen auf dem Tisch.“

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1. Vorsitz der Gesundheitsministerkonferenz nutzen Änderungen für mehr (Haus)Ärzte voranbringen

Wir sind nicht die einzigen, die sich dringend um mehr Ärztinnen und mehr „Arztstunden“ bemühen müssen. Gemeinsam mit den anderen Bundesländern können wir viel anstoßen. Dazu gehören verschiedene Maßnahmen des Sachverständigen-Gutachtens „Bedarfsgerechte Steuerung der Gesundheitsversorgung“. So sollte etwa das Nachbesetzungsverfahren reformiert werden: Man sollte eine Praxis nicht weit über dem „Kaufwert“ erwerben müssen. Eine Nachbesetzung sollte schon fünf Jahre vor Aufgabe des Vertragsarztsitzes erfolgen können. Tandempraxen, junge und ältere Mediziner gemeinsam, könnten ein Ansatz sein. Wir sollten weiter gemeinsam mit den Akteuren am Thema „Budgetierungen“ arbeiten – sodass Ärztinnen und Ärzte tatsächlich mehr arbeiten können und es bezahlt bekommen.

2. Umsetzung des „Masterplans Medizinstudium 2020“

Wir müssen schnellstmöglich dazu kommen, dass so die Allgemeinmedizin als Pflichtbestandteil im Studium implementiert wird und die neuen Elemente in der Verzahnung von Theorie und Praxis finanziell untersetzt werden. Entsprechende Modellstudiengänge und Hausarztklassen sollen aktiv begleitet und gefördert werden. Durch die Aufwertung kann das Verhältnis von Allgemeinmedizinern zu Fachärzten verbessert werden.

Wichtig ist vor allem, dass die Hochschulzulassungskriterien in Umsetzung des Bundesverfassungsgerichtsurteils angepasst werden, insb. müssen berufliche Vorerfahrungen berücksichtig werden.

3. Ressourcen für zusätzliche Studienplätze für Humanmedizin und Arztassistenz

Ausgehend von einer Bedarfsplanung für Studiengänge im Gesundheits- und Pflegebereich, die die Akademisierung (u. a. Hebammen und Pflegeberufe) berücksichtigt, wird die „Hochschulentwicklungsplanung 2025“ angepasst.

Die bisherigen 20 aus dem Hochschulpakt befristet finanzierten Medizin-Studienplätze wollen wir nach 2020 aus Landesmitteln weiterfinanzen. Zu prüfen ist der weitere landesfinanzierte Ausbau von bis zu 30 zusätzliche Medizin-Studienplätzen.

Des Weiteren wollen wir 30 weitere duale Studienplätze Arztassistenz („Physician Assistant“) an der Berufsakademie Sachsen am Standort Plauen schaffen, die vom Freistaat Sachsen finanziert werden. Das Programm ist sehr gut angelaufen. Die Bachelor-Studierenden stehen zeitnah für die Entlastung und Unterstützung des ärztlichen Fachpersonals bereit. Durch die dualen Studienbedingungen kann eine frühzeitige Bindung des Arbeits- und Wohnortes erzielt werden, womit eine gezielte Steuerungsfunktion besteht.

4. Weiterführung aller bestehenden Unterstützungs- und Förderungsprogramme durch Freistaat Sachsen und Akteure

Stipendienprogramme, Unterstützung in der Weiterbildung, Modellprojekte für die „sektorübergreifende Versorgung“ (bspw. ländliches Gesundheitszentrum ähnlich den Polikliniken) und viele Förderprogramme mehr gilt es fortzusetzen Wir benötigen jedoch Geduld, da eine Ärztin über zehn Jahre in der Aus- und Weiterbildung benötigt! Jetzt kommen gerade die ersten Absolvent*innen in den Praxen außerhalb unserer Städte an. Die jeweiligen Maßnahmen sind in ihrer Wirkung zu prüfen und wo erforderlich nachzuschärfen.

Die SPD setzt sich dafür ein, dass wieder mehr Ärzte dafür gewonnen werden können, sich als Hausärzte auf dem Land niederzulassen. Das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG), das am vergangenen Freitag im Bundestag beschlossen wurde, ist dazu ein wichtiger Baustein.

Für die SPD-Fraktion sind mehrere Punkte zentral, um mehr Hausärzte für den ländlichen Raum zu gewinnen. „Wir haben genug Medizinstudierende in Sachsen. Unser oberstes Ziel muss es deshalb sein, dass deutlich mehr von ihnen Hausärzte werden und sich freiwillig auf dem Land niederlassen“, so Holger Mann am Montag in Dresden.

Das bestehende Stipendien-Programm für Medizinstudierende, die sich nach dem Studium für mehrere Jahre als Hausarzt auf dem Land verpflichten, sollte ausgeweitet werden. Außerdem solle, so Mann, der Masterplan Medizinstudium 2020 zügig umgesetzt werden. „Wir wollen, dass die Allgemeinmedizin verpflichtender Bestandteil des Medizinstudiums wird. Und die geplante Hausarztklasse an der Uni Leipzig soll genutzt werden, um junge Menschen für die Arbeit in dem Bereich zu begeistern.“

Zudem fordert Holger Mann, dass künftig noch mehr Arzt-Assistenten (physician assistents) in Sachsen ausgebildet werden. Dazu muss das angelaufene Programm an der Berufsakademie in Plauen ausgeweitet werden. „Wenn es mehr studierte Ärzte-Assistent*innen gibt, kann ein Hausarzt mehr Patienten behandeln. Arztassistenten können im ländlichen Raum unmittelbar helfen.“

Simone Lang sagte: „Wir brauchen Hausärzte auf dem Land – und zwar schnell. Deshalb wollen wir, dass der Freistaat Ärzte dabei unterstützt, sich in Polikliniken zusammenzuschließen. Denn in Polikliniken wird die Bürokratie verringert, da mehrere Ärzte eine gemeinsame Verwaltung nutzen. So bleibt mehr Zeit für die Patienten. Die bisherige Praxis der Budgetierung von Leistungen muss dringend geändert werden. Ärzt*innen sollen mehr Patienten behandeln dürfen, wenn sie das wollen, ohne dass ihnen die Vergütung dafür versagt wird.“ Dieses Thema, das fast alle Bundesländer betreffe, könne Gesundheitsministerin Barbara Klepsch bei der Gesundheitsministerkonferenz im Juni in Leipzig klären. Klepsch sitzt in diesem Jahr der Konferenz vor.

„Schließlich müssen auch die Verfahren modernisiert werden, mit denen jüngere Ärzte die Praxen von älteren übernehmen können“, so Simone Lang. „Eine künstliche Verteuerung der Praxen ist nicht mehr zeitgemäß. Außerdem spreche ich mich für Tandem-Verfahren aus, bei denen junge Mediziner über drei bis fünf Jahre von älteren den Arzt-Alltag in allen Bereichen erlernen können.“

„Vor allem aber sind wir dringend auf die gesundheitspolitische Mediziner-Bedarfsplanung für Sachsen angewiesen. Diese liegt uns seitens des sächsischen Sozialministeriums leider noch nicht vor.“ Das sei aber ein wichtiger Schritt, um sinnvolle längerfristige Maßnahmen für die Ärzteversorgung auf dem Land ableiten zu können.

Hintergrund: In Sachsen haben 2016 insgesamt 7.321 Ärzt*innen gearbeitet. Das sind 14 Prozent mehr als noch 2000 (6.408). Pro 100.000 Einwohner gab es in Sachsen 179 Ärzt*innen (2000 nur 145, + 24%). Am 30. Januar 2019 meldete die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen, dass es derzeit 245 offene Hausarztstellen gäbe. Hinzu kommt, dass von gut 2.600 praktizierenden Hausärzten 28 Prozent schon über 60 Jahre alt sind.

Derzeit sind jährlich 540 Medizinstudierende sowie 120 Zahnmedizin-Studierende zugelassen. Von 2015 bis 2020 finanziert Sachsen jährlich zusätzlich 20 Medizinstudierende, also insges. 540 pro Jahr. Das Medizinstudium ist mit rund 200.000 Euro pro Studienplatz das teuerste im deutschen Fächerkanon.